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Agri-Photovoltaik: Doppelte Ernte auf Deutschlands Äckern
Auf deutschen Ackerflächen wächst künftig möglicherweise zweierlei: Getreide und Strom. Die Bundesnetzagentur hat in ihrer jüngsten Ausschreibungsrunde für Solaranlagen des ersten Segments ein nennenswertes Volumen an sogenannten besonderen Solaranlagen bezuschlagt – darunter fallen Agri-Photovoltaik-Anlagen, bei denen dieselbe Fläche sowohl der landwirtschaftlichen Produktion als auch der Stromerzeugung dient. Zum Gebotstermin 1. Dezember 2025 gingen 30 Zuschläge mit einem Volumen von 204 Megawatt auf Projekte dieser Kategorie.
Die gesamte Ausschreibungsrunde war deutlich überzeichnet: 634 Gebote mit einem Volumen von 5.247 Megawatt wurden eingereicht, mehr als doppelt so viele wie in der Vorrunde. Das ausgeschriebene Volumen lag bei 2.328 Megawatt. 262 Gebote mit einem Umfang von 2.341 Megawatt erhielten einen Zuschlag, wie die Behörde mitteilte. Der durchschnittliche mengengewichtete Zuschlagswert betrug 5,00 Cent pro Kilowattstunde und lag damit leicht über dem Wert der Vorrunde von 4,84 Cent pro Kilowattstunde. „Nach zwei Ausschreibungen mit einer rückläufigen Anzahl an Geboten wurden in dieser Runde mehr als doppelt so viele Gebote wie in der Vorrunde eingereicht. Die hohe Beteiligung zeigt, dass die Rahmenbedingungen in den Ausschreibungen attraktiv sind“, erklärte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur.
Flächenpotenzial übersteigt Ausbauziele deutlich
Dass Agri-PV mehr ist als eine Nischenlösung, legen Studien des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE nahe. Die Forschenden haben das Flächenpotenzial für Agri-Photovoltaik für ganz Deutschland erhoben – nach eigenen Angaben erstmals unter Einbezug aller Arten landwirtschaftlicher Flächen, also Dauergrünland, Ackerfläche und Dauerkulturen wie Obstbau, Wein oder Beeren. Das Ergebnis: Bereits auf den am besten geeigneten Flächen könnten 500 Gigawatt Peak Solarleistung installiert werden – mehr, als die Photovoltaik-Ausbauziele Deutschlands für 2040 vorsehen.
Die Potenzialanalyse des Instituts unterscheidet zwei Szenarien: Schließt man nur Flächen mit harten Restriktionen wie Naturschutzgebieten aus, ergibt sich ein technisch-regulatorisches Potenzial von 7.900 Gigawatt Peak. Werden zusätzlich weichere Restriktionen wie Flora-Fauna-Schutzgebiete berücksichtigt, bleiben 5.600 Gigawatt Peak. „Es ist die erste Studie in Deutschland, die für die Identifikation geeigneter Standorte alle Arten landwirtschaftlicher Flächen betrachtet“, erklärte Studienautorin Salome Hauger.
Ein begrenzender Faktor ist nach Angaben der Forschenden weniger die Fläche als das Stromnetz: Das Fehlen von Netzanschlusspunkten sei für viele Flächen ein einschränkendes Kriterium, sagte Hauger. In einer Studie für die Landkreise Ahrweiler und Breisgau-Hochschwarzwald kam das Team zu dem Ergebnis, dass die am besten geeigneten Flächen dort mit potenziellen Anlagen 16 beziehungsweise 12 Prozent des derzeitigen Energieverbrauchs der Landkreise erzeugen könnten. Im Projekt „AgriChance“ untersuchte das Institut zudem die ländlichen Gebiete Hamburgs: Demnach sind insbesondere Dauerkulturen im Alten Land und in den Vier- und Marschlanden mit bis zu 620 Hektar optimal geeignet; auf 160 Hektar bestehender Gewächshausflächen ließen sich den Angaben zufolge fast 50 Megawatt Peak installieren.
Was die Doppelnutzung landwirtschaftlich bringt
Agri-Photovoltaik bezeichnet die gleichzeitige Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Erzeugung von Lebensmitteln und von Solarstrom. Die Module werden dafür entweder hoch aufgeständert über den Feldern montiert, sodass Landmaschinen darunter hindurchfahren können, oder in vertikalen Reihen zwischen den Anbaustreifen. Für bestimmte Kulturen ergeben sich nach Angaben des Fraunhofer ISE Synergieeffekte: Kernobst wie Äpfel profitiert von der Schutzwirkung der Module, die Hagelschutznetze ersetzen können. Die Teilbeschattung kann zudem die Verdunstung verringern – ein Effekt, der in trockeneren Sommern an Bedeutung gewinnt.
Für Betriebe entsteht damit ein zweites Standbein: Neben dem Erlös aus der landwirtschaftlichen Produktion fließt eine Einspeisevergütung oder ein Erlös aus dem Stromverkauf. Das kann Einkommensschwankungen abfedern, die etwa durch Wetterrisiken oder Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen entstehen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Kombination von Agri-PV mit Tierhaltung eine zusätzliche Möglichkeit darstelle, Landwirtschaft und Stromerzeugung miteinander zu verbinden.
„Diese Studien liefern eine solide Datengrundlage für politische Entscheidungsträger und Interessengruppen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu fördern und zur Erreichung der Klimaziele beizutragen“, erklärte Anna Heimsath, Abteilungsleiterin Analyse Module und Kraftwerke am Fraunhofer ISE. Die Technologie könne einen Beitrag zur Entschärfung von Landnutzungskonflikten leisten – also zum Spannungsfeld zwischen dem Flächenbedarf für die Energiewende und dem Erhalt landwirtschaftlicher Produktionsflächen.
Rahmenbedingungen und offene Fragen
Förderrechtlich sind besondere Solaranlagen – zu denen Agri-PV-Anlagen zählen – über die Ausschreibungen der Bundesnetzagentur zugänglich. Die Zuschläge der Dezember-Runde zeigen, dass die Kategorie im Wettbewerb bestehen kann. Die Zuschlagswerte der Gesamtrunde lagen zwischen 4,40 und 5,30 Cent pro Kilowattstunde.
Offen bleibt, wie schnell sich die Technologie von Pilot- und Modellprojekten in die Breite bewegt. Zu den praktischen Hürden zählen neben dem Netzanschluss die höheren Investitionskosten gegenüber klassischen Freiflächenanlagen, die an die aufwendigere Aufständerung gebunden sind, sowie Fragen der bau- und naturschutzrechtlichen Genehmigung. Zudem ist die Eignung je nach Kultur unterschiedlich: Während Dauerkulturen wie Obst- und Weinbau sowie Grünland als besonders geeignet gelten, hängt die Verträglichkeit im Ackerbau von Fruchtfolge, Maschineneinsatz und Beschattungsgrad ab.
Für die Landwirtschaft insgesamt bleibt Agri-PV ein Ergänzungsinstrument, kein Ersatz für den Ackerbau. Der überwiegende Teil der deutschen Agrarflächen wird auch weiterhin ausschließlich der Lebensmittel- und Futtermittelproduktion dienen. Die Zahlen der Bundesnetzagentur und des Fraunhofer ISE deuten jedoch darauf hin, dass die Doppelnutzung dort, wo sie technisch und betrieblich passt, aus dem Schattendasein von Pilotprojekten heraustritt – mit ersten nennenswerten Zuschlagsvolumina und einer wachsenden Zahl an Praxisanlagen.
Quellen
- Bundesnetzagentur: Ausschreibung für PV-Freiflächenanlagen (Pressemitteilung) sowie Ergebnisse der Dezember-Ausschreibung 2025 für Solaranlagen des ersten Segments
- Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE: Studien zum Flächenpotenzial der Agri-Photovoltaik in Deutschland
- tga-Fachplaner (Bericht über die Fraunhofer-ISE-Studie): „Flächenpotenzial für Agri-PV übertrifft Ausbauziele“
- IWR Online (Bericht über die BNetzA-Ausschreibung): „Dezember-Ausschreibung der BNetzA deutlich überzeichnet“
- Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Stellungnahme zur Änderung der GAP-Direktzahlungen-Verordnung (Agri-PV mit Tierhaltung)



